Feste feiern – So turbulent kann das Kulturerbe der UNESCO sein
April 10, 2008 5:56 pm BelgienMit dem Begriff des Weltkulturerbes verbindet man für gewöhnlich einmalige und schützenswerte Gebäude oder auch Landschaften. Doch glücklicherweise ist der Kulturbegriff der UNESCO weit genug gefasst, um auch Dinge von nur zeitweiliger Existenz und Schönheit hier einreihen zu können. Und das Feiern traditioneller Volksfeste ist mit Sicherheit eine der augenfälligsten und menschlichsten kulturellen Leistungen, die man sich denken kann. In Belgien gibt es in dieser Hinsicht besonders viel zu bestaunen und zu beschützen. Der Karneval von Binche hat nun mit seinem Status als Weltkulturerbe gleich dreifache Rückendeckung aus dem eigenen Land bekommen. Die Ducasse in Mons, das Meyboomfest in Brüssel und das Fest der Riesen von Ath haben der UNESCO den verdienten Respekt und die Aufnahme in die Liste abgenötigt.
Im Juni geht es los. Jetzt wird es mittelalterlich in der belgischen Stadt Mons, die ihrer Schutzheiligen St. Waudru, der heiligen Waltrudis, gedenkt und huldigt. Die „Ducasse“ in Mons erinnert an die Pest, die dort im Jahre 1394 wütete und der die heilige Äbtissin beherzt begegnete. Ihr unerschrockenes Einschreiten und ihre Bemühungen, die Kranken zu retten und die Gesunden gesund zu erhalten, waren der Anfang einer seither ununterbrochenen Tradition. An jedem Dreifaltigkeitssonntag werden die Reliquien der heiligen Waltrudis unter reger Anteilnahme aller Glaubensbrüder und Zünfte durch die Stadt getragen. Die reiche Goldverzierung des Schreins kündet von der tiefen Verehrung, die dieser mutigen Gottesfrau entgegengebracht wird. Die Prozession endet traditionell mit einem Kampf zwischen St. Georg auf dem Pferd und dem bösen Drachen. Dieser Kampf wird als „Lumeçon“ bezeichnet und hat aufgrund seines unmittelbaren Bezuges zu mittelalterlichen Gepflogenheiten dieses Volksfest zum weltweiten Kulturgut erhoben.
Am 9. August feiert Brüssel seit etwa 700 Jahren sein ältestes Stadtfest, das Meyboomfest. Es dient der Vorbereitung des ehrenvollen Gedenkens an den heiligen Laurenz, der am folgenden 10. August seinen persönlichen Ehrentag hat. Die Bruderschaft des heiligen Laurenz erbaut am 9. August den Maibaum, der anschließend nach seiner feierlichen Prozession durch Brüssel stolz aufgerichtet wird. Das Verdienst des heiligen Laurenz und seiner Jünger stammt aus dem Jahre 1213, als sich die Bürger von Brüssel und Leuven beinahe die Köpfe eingeschlagen hätten, wenn die Streitigkeiten nicht durch die Vermittlungen der „Laurenzer“ beigelegt worden wären. Doch ein wenig augenzwinkernder Zwist besteht bis in die heutige Zeit fort, denn wenn es die Brüsseler Maibaumzimmerleute nicht schaffen, ihr Werk bis 17.00 Uhr aufgerichtet zu haben, dann kommen die Leuvener zum Zug. Wenn sich doch nur mehr Streitigkeiten so freundlich in Luft auflösen könnten.
Der vierte Sonntag im August ist schließlich der Hochzeitstag der Riesen von Ath. Damit wird in Ath, der belgischen berühmten „Stadt der Riesen“, eine Riesenhochzeit der etwas anderen Art gefeiert. Die Rede ist von dem frisch vermählten Ehepaar Herrn und Frau Goliath und von einem kleinen, schmächtigen und in Weiß gekleideten Jungen namens David, der hier natürlich auf keinen Fall fehlen darf. Schließlich lehrte er seinerzeit den Riesen mit List und Tücke das Fürchten. Der historische Umzug, der an dieses denkwürdige Ereignis erinnert, zieht seit 1390 an besagtem Augustsonntag regelmäßig durch die Stadt und belustigt die Zuschauer mit Figuren von David und Goliath sowie mit den Szenen der Riesenehe von Goliaths Hochzeit. Natürlich wird auch der berühmte Kampf humoristisch verbildlicht.
