Etwa 50 km vom Festland entfernt gibt es eine nur 22 Quadratkilometer große Insel, die dem Besucher den Eindruck vermittelt, sich in einer Wüstenlandschaft zu befinden, eben wie in Indien. Dabei handelt es sich um einen Teil der dänischen Kattegatt-Insel namens Anholt. Im 16 Jahrhundert hielten hier oft holländische Seefahrer an, daher stammt der Name „Anholt“. Endlose Dünenkämme, hellbrauner Sand so weit man sehen kann und ein blauer Himmel wie aus dem Bilderbuch. Würden dazu noch Palmen wachsen oder einem Kamele über den Weg laufen, so würde das hier wohl kaum noch jemanden überraschen.
Urlauber müssen ihre Autos stehen lassen, denn diese sind auf Anholt Tabu. Im Hafen von Grenaa können Passagiere ihr Gepäck und was sie sonst noch alles meinen, im Urlaub unbedingt dabei haben zu müssen, auf bereitgestellte Gepäckwagen laden. Entsprechend hektisch ist der Betrieb in dieser jütländischen Stadt, bis schließlich die „M/F Anholt“ bereit ist, Kurs auf dieses liebenswerte Eiland zu nehmen. Üblicherweise fährt das Schiff viermal in der Woche, in den Sommermonaten allerdings täglich, kommen doch im Jahr etwa 60 000 Besucher auf die Insel. Auf Anholt gibt es ansonsten nur etwa 150 feste Bewohner, doch für jene wäre ein Leben dort ohne regelmäßige Fährverbindung nicht möglich, alleine schon um die benötigten Konsumgüter, Lebensmittel etc. auf die Insel zu schaffen.
Da ist es nicht weiter verwunderlich, wenn die Ankunft der Fähre im Hafen für Trubel sorgt. Ob die Fracht gelöscht wird, Urlaubsgäste ihre Siebensachen zusammensuchen oder unter lautem Jubel lang ersehnte Familienangehörige in die Arme geschlossen werden – ein echtes Erlebnis. Am besten vorwärts kommt man dann mit einem Inseltaxi oder man organisiert sich unmittelbar an der Anlegestelle bei der „Cykeludlejning“ ein Fahrrad. Auf der Insel sind nur 45 Autos zugelassen und die Fortbewegung mit Taxi und Fahrrad dort üblich. Es gibt auf der Insel schließlich nur insgesamt 6 km asphaltierte Straße und zwei Wege in die nächste Ortschaft, welche 3 km entfernt ist. Sogar zum Flughafen auf der Insel – ja, auch den gibt es dort – führt nur eine Schotterstraße. Sind letztendlich alle auf dem Weg, wird es im Hafen wieder ruhiger. Jetzt trifft man hier nur noch die Hobbykapitäne mit ihren Segelyachten. Die früher hier oft zu sehenden Fischerboote gibt es nahezu nicht mehr.
Die Fähre bleibt nachts auf der Insel, nicht auf dem Festland – was den Bewohnern sehr wichtig ist, wie die Leiterin der „Turistinformation“ auf Anholt bestätigt. Schließlich ist diese Insel einer der abgelegensten Orte von Dänemark, der über jeden Bewohner glücklich und auf Arbeitsplätze angewiesen ist. So hat die Fähre eine lebenswichtige Bedeutung.
So haben sich schon am 23.03.1974 16 kleine Inseln zusammengeschlossen zum „Samslutning af Danske Sma Oer“, inzwischen sind es bereits 27 Inseln, beginnend von den ganz kleinen, den „Inselzwergen“, wie Birkholm mit nur 9 Einwohnern und Hjorto mit schon 14 Einwohnern bis hin zu den großen Eilanden wie Oro, welches 989 Einwohner zählt. Sie ist die bevölkerungsreichste Insel in diesem Zusammenschluss. Doch die Vorgaben, die zu erfüllen sind, um dem Verband beizutreten, sind genau festgelegt: Die Insel muss eine Fähranbindung zum Festland haben, sie darf keine eigenständige Kommune sein und nicht mehr als 1000 Einwohner haben.
Touristen erfüllen hier als zusätzliche Fahrgäste für diese Fährverbindungen die Mission, zum Erhalt für diese Verbindungen und Arbeitsplätze beizutragen. Und der Erfolg bestätigt dies!
Auf der Insel Veno gibt es ein zentrales Büro, welche die touristische Vertretung dieses Inselbündnisses übernimmt und Anlaufstelle für Urlauber und Interessierte gleichermaßen ist. Hier kann man entweder nur eine Unterkunft sich vermitteln lassen, ganze Gruppenarrangements treffen oder ein sog. Inselhopping organisieren lassen mit Fähre und Drahtesel. Die Leiterin des Büros, Vibeke Fenger, ist der Meinung, dass jede Insel ihren eigenen Charakter hat. Davon kann sich jeder Besucher gerne selbst überzeugen, denn hier gibt es noch all das, was ansonsten schon selten geworden ist: Wasser, Natur, Ruhe und Frieden – wahre Streicheleinheiten für die Seele.
Wegen des besonderen Feelings auf der Insel kommen in den Sommermonaten bis zu 4000 Gäste – und oft sogar noch mehr – auf die Insel Anholt. Die Landschaft dort ist einzigartig. Durch den Einfluss von Wind und Wasser, geprägt auch von der Eiszeit, findet man im Westen der Insel einen riesigen Gesteinswall – ein stummer Zeuge der Gletscher. Diese Hügel werden inzwischen von traumhaften Wäldern überzogen, überwiegend Wacholder und Kiefer.
Der einzige Ort auf der Insel ist Anholt By, dieser findet sich östlich dieser Hügelkette. Es gibt dort ein Lebensmittelgeschäft, ein Cafe, einen Kiosk, selbstverständlich eine Kirche und sogar eine Post. Die Versorgung der Einwohner auf der Insel ist auf diese Weise sichergestellt. Während der Sommermonate leistet sogar ein Polizist vom Festland seinen Dienst auf Anholt.
Der Sonderbjerg ist mit seinen 48 Metern der höchste Punkt der Insel, dorthin gelangt man über markierte, aber schmale Wanderwege. Wer sich fragt, warum viele Dänen die Insel als „Gran Canaria“ des Nordens bezeichnen, erhält die Antwort, wenn er den Ausblick nach Osten in sich aufnimmt: Vom Wind manchmal seltsam geformte Wacholderbüsche, Krähenbeeren und Sand in den verschiedensten Tönen. Die Weiden werden dort nur knöchelhoch. Das Wasser zeigt sich dunkelblau bis türkis und läuft in sanften Wellen auf dem weitläufigen Sandstrand aus. Botaniker lieben diese Insel auf Grund ihrer seltenen Pflanzenarten und auch Vogelarten. Dieser Teil von Anholt macht drei Viertel der gesamten Fläche aus und wird von den Einheimischen als „Wüste“ bezeichnet. Doch das war nicht immer so. Bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts wuchsen hier noch Bäume. Doch für die Sicherheit der Schifffahrt wurden nahezu alle Bäume abgeholzt. Im Jahre 1560 wurde auf der Ostspitze von Anholt der „Vorfahr“ der Leuchttürme geschaffen: König Friedrich II von Dänemark ließ ein Pfannenfeuer abbrennen. Schon kurze Zeit darauf konnte auf Grund technischer Neuerungen das Feuer nach dem Wind ausgerichtet werden, damals noch als „Papageienfeuer“ bezeichnet, im Jahre 1623 schließlich wurde das Holz durch den Brennstoff Kohle ersetzt. 1881 wurde der Leuchtturm errichtet.
Es war schon Ende des 19. Jahrhunderts, als man mit der Wiederaufforstung der abgeholzten Flächen begann, ein Unterfangen, das sich als sehr mühsam herausstellte. Durch Sandflug und Wind wachsen die Pflanzen sehr langsam, der karge Boden tut ein Übriges. Doch man hat aus diesen Fehlern gelernt und die Insel inzwischen unter Naturschutz gestellt.
Eine Wanderung zum zehn Kilometer entfernten Leuchtturm, „Anholf Fyr“ genannt, ist ein Höhepunkt jeden Urlaubs. Der Weg führt durch die Wüste und man hat das Gefühl, eine andere Welt zu betreten. Die Hektik des Alltags ist endlos weit entfernt, die Luft erfüllt von den Schreien der Möwen, das Rascheln der Gräser in den Dünen – ein Balsam für die Seele. Dann wieder wird die Sicht ins Weite verdeckt von Sandkämmen, die bis zu 20 m hoch werden können. Auch die Inselbewohner lassen sich immer noch von dem Zauber dieser Insel gefangen nehmen.
Auf der Spitze von Anholt, wendet man sich vom Leuchtturm aus nach Osten, findet sich ein geschützter Lebensraum von Hunderten von Seehunden, „Totten“ genannt. Glücklich schätzen kann sich, wer in weiser Voraussicht ein Fernglas mitgenommen hat. Da aber die Seehunde mindestens genau so neugierig wie die Menschen sind, findet man sie auch immer wieder entlang des Sandstrandes – und der ist mit seinen 26 km nicht gerade kurz.
So klein Anholt auch ist, Zeichen der ersten Besiedelung durch Menschen gehen bis in die Steinzeit zurück! Angeblich sollen früher Seeräuber Schutz auf Anholt gesucht haben, auch gab es später dort eine Jagdhütte im Besitz von König Valdemar. Durch den so genannten Friedensschluss von Roskilde 1658 erhielt Schweden große Gebiete von Dänemark. Dabei stellte einer der dänischen Abgesandten wie zufällig ein Glas Bier auf der Landkarte ab und so bemerkte niemand bei den Verhandlungen den kleinen Außenposten Dänemarks im Kattegatt. Auf diese Weise wurde ein simples Glas Bier zum Schicksal.
Die Anholter legen auch sehr viel Wert auf ihre Vergangenheit und so erhält der Inselgast völlig überraschende Einblicke in die Geschichte des Eilands. Es gibt auch eine kleine Ausstellung, die der lokalhistorische Verein organisiert. Hier kann man eine Menge Karten, Dokumente, Fotos, alte Haushaltsgegenstände besichtigen und seit 1995 sogar ein altes Rettungsboot. Ausgestellte Porträts der Inselbewohner zeigen das auch oft entbehrungsreiche Leben auf Anholt. Auch heute noch stehen nicht nur die Anholter, auch die Bewohner der anderen kleinen Inseln, oftmals noch vor großen Herausforderungen. Der Zusammenschluss der Inseln („Samsluttning af Danske Sma Oer“) war dabei ein bedeutender Schritt zur Bewältigung der Anforderungen der Zukunft.
Wird es schließlich Abend auf der Insel und die Dämmerung setzt ein, gehen in den Ferienhäusern die Lichter an, im Dorfcafe setzt man sich zum Abendessen und Ruhe breitet sich aus. Hie und da sieht man den auf Wäscheleinen aufgehängten Trockenfisch. Eine friedliche Stimmung kehrt ein und ein perfekter Urlaubstag neigt sich dem Ende zu – auf der Insel, auf der man sich wie in Indien fühlt.